Wissenschaft

Was der Atem im Körper verändert

Rebirth Breathwork, Nervensystem und Trauma – was die Forschung über die Wirkung des verbundenen Atems zeigt.

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CO₂ ist kein Abfallprodukt – es steuert

Beim verbundenen Atmen atmest du mehr Luft, als dein Stoffwechsel gerade braucht. Dadurch wird mehr Kohlendioxid (CO₂) abgeatmet, der CO₂-Partialdruck im Blut sinkt: Hypokapnie. Das Blut wird leicht basischer (respiratorische Alkalose). Diese Physiologie ist gut beschrieben (Laffey & Kavanagh, 2002)[4].

Was du davon spürst

  • Kribbeln in Händen, Füßen, um den Mund – Nerven werden erregbarer, weil sich das Gleichgewicht freier Calcium-Ionen verschiebt.
  • Vorübergehend verkrampfte Hände („Pfötchenstellung“) – harmlos und reversibel, sobald der Atem ruhiger wird.
  • Schwindel, Leichtigkeit, Wärme – CO₂ weitet normalerweise die Hirngefäße; sinkt es, verengen sie sich leicht, die Hirndurchblutung nimmt kurzzeitig ab.

Was das für deine Session bedeutet: Diese Reaktionen sind erwartbar und gehören zum Prozess. Du kannst sie jederzeit regulieren, indem du langsamer oder durch die Nase atmest. Genau deshalb begleiten wir eng und arbeiten in kleinen Gruppen (max. 5).

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Aktivierung und Ruhe: das autonome Nervensystem

Der Atem ist die einzige Funktion des autonomen Nervensystems, die wir bewusst steuern können. Langsames Atmen (etwa sechs Atemzüge pro Minute) geht mit höherer Herzfrequenzvariabilität und mehr parasympathischer Aktivität einher (Zaccaro et al., 2018)[2]. Schnelles, tiefes Atmen aktiviert dagegen den Sympathikus – Herzschlag und Wachheit steigen.

Rebirth Breathwork nutzt beides nacheinander: eine Phase intensiver Aktivierung, gefolgt von Stille und langsamer Atmung. Viele erleben danach eine tiefe Entspannung. Forschung zu kontrollierter Hyperventilation zeigt, dass Menschen ihre Stressreaktion bewusst beeinflussen können (Kox et al., 2014)[6] – allerdings mit einer anderen Methode.

Belegt, vermutet, offen

  • Belegt: Breathwork-Interventionen senken in randomisierten Studien selbst berichteten Stress mit kleinen bis mittleren Effekten (Fincham et al., 2023)[1]. Kurze tägliche Atemübungen verbessern die Stimmung (Balban et al., 2023)[3].
  • Vermutet: Der Wechsel von Aktivierung zu Ruhe wirkt wie ein Training: Der Körper erlebt Intensität und findet danach wieder in die Ruhe.
  • Offen: Speziell zu Rebirthing gibt es nur wenige kontrollierte Studien. Langzeiteffekte sind kaum untersucht.
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Veränderte Bewusstseinszustände – ohne Substanzen

Intensives verbundenes Atmen kann Zustände auslösen, die Menschen als traumartig, bildhaft, emotional oder als tiefe Verbundenheit beschreiben. Der Psychiater Stanislav Grof hat solche Erfahrungen im Rahmen des Holotropen Atmens über Jahrzehnte beschrieben (Grof & Grof, 2010)[7]. Eine Übersichtsarbeit diskutiert verlängerte, freiwillige Hyperventilation als mögliche Ergänzung zur Psychotherapie und fordert zugleich mehr kontrollierte Forschung (Rhinewine & Williams, 2007)[5].

Neurobiologisch wird angenommen, dass die veränderte Hirndurchblutung und die starke Körperaktivierung die Kontrolle des „denkenden“ Gehirns vorübergehend lockern, sodass Emotionen und Körperempfindungen mehr Raum bekommen. Das ist eine plausible Hypothese, kein gesicherter Mechanismus.

Was das für deine Session bedeutet: Du musst nichts „erreichen“. Manche Sessions sind still und körperlich, andere voller Bilder oder Gefühle. Alles darf sein – ohne Bewertung.

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Der Körper erinnert: Trauma jenseits von Worten

Eine zentrale Einsicht der modernen Traumaforschung: Überwältigende Erfahrungen werden nicht nur als Erzählung erinnert, sondern auch als Körperzustand – Anspannung, Erstarrung, Übererregung. Bessel van der Kolk beschreibt in The Body Keeps the Score (van der Kolk, 2014)[8], wie Trauma Wahrnehmung, Körpergefühl und Beziehungen prägt. Peter Levine (Somatic Experiencing; Levine, 1997)[9] betont, dass im Körper „steckengebliebene“ Überlebensreaktionen über achtsame Körperwahrnehmung gelöst werden können. Pat Ogden verbindet dies in der sensomotorischen Psychotherapie mit Bewegung und Haltung (Ogden et al., 2006)[16]. Gabor Maté beschreibt, wie chronischer Stress und frühe Belastungen mit körperlicher Gesundheit zusammenhängen (Maté, 2022)[18]; die Forschung zur transgenerationalen Weitergabe untersucht sogar mögliche epigenetische Spuren (Yehuda & Lehrner, 2018)[21].

Wie verbreitet frühe Belastungen sind und wie sie die Gesundheit beeinflussen, zeigt die ACE-Studie (Felitti et al., 1998)[19]: Je mehr belastende Kindheitserfahrungen, desto höher das Risiko für spätere körperliche und psychische Erkrankungen.

Bindung und K-PTBS

Bindungstheorie (Bowlby, 1988)[13] und das Still-Face-Experiment (Tronick et al., 1978)[20] zeigen, wie sehr unser Nervensystem schon als Säugling auf die Feinfühligkeit von Bezugspersonen reagiert. Wo diese Sicherheit wiederholt fehlte, können sich komplexe Traumafolgen entwickeln: Probleme der Gefühlsregulation, ein negatives Selbstbild und Schwierigkeiten in Beziehungen – heute als K-PTBS in der ICD-11 beschrieben (Walker, 2013; Herman, 1992; Karatzias et al., 2019)[10][14][23].

Ein Modell, keine Gewissheit: die Polyvagal-Theorie

Stephen Porges' Polyvagal-Theorie (Porges, 2011)[11] bietet eine hilfreiche Sprache für Zustände wie Kampf/Flucht, Erstarrung und soziale Verbundenheit. Einige ihrer neurobiologischen Grundannahmen sind jedoch wissenschaftlich umstritten (Grossman, 2023). Wir nutzen sie als Landkarte für Erleben, nicht als bewiesene Erklärung.

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Integration: wo Veränderung bleibt

Für die Behandlung von Traumafolgen empfehlen Leitlinien traumafokussierte Psychotherapie, z. B. EMDR (Shapiro, 2018)[17] oder traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie. Ansätze wie Internal Family Systems (Schwartz & Sweezy, 2020)[12] und die Arbeit mit inneren Anteilen (Fisher, 2017)[15] helfen, verletzte und schützende Seiten in uns zu verstehen. Selbstmitgefühl (Neff, 2011; Gilbert, 2010)[24] wirkt dem Scham-Kreislauf entgegen.

Wie stark die Verbindung von Körper und Bewertung sein kann, zeigt die Boulder Back Pain Study (Ashar et al., 2022)[22]: Menschen mit chronischen Rückenschmerzen, die lernten, ihre Schmerzsignale neu einzuordnen, berichteten deutlich weniger Schmerz als die Vergleichsgruppen.

Unsere Haltung: Breathwork kann diese Wege ergänzen – als Zugang zum Körper, zur Regulation und zu Gefühlen. Wenn du in Behandlung bist, kannst du deine Erfahrungen dort weiter vertiefen.

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Kontraindikationen

Gerade weil verbundenes Atmen wirksam ist, ist es nicht für alle geeignet. Nicht geeignet bei: Schwangerschaft, Epilepsie oder Anfallserkrankungen, schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder unkontrolliertem Bluthochdruck, kürzlichen Operationen, Glaukom oder Netzhautablösung, schwerem Asthma, Psychosen, bipolarer Störung oder akuten psychischen Krisen. Im Zweifel bitte vorher ärztlich abklären.

Für Reiki wächst die Studienlage: Eine Metaanalyse randomisierter Studien (Guo et al., 2024)[25] zeigt eine deutliche Verringerung von Angst; frühere Übersichtsarbeiten fanden Hinweise auf weniger Schmerz und Angst (Thrane & Cohen, 2014)[26]. Mehrere Kliniken bieten Reiki inzwischen ergänzend an.

Zwei Seiten der Neuroplastizität

Unser Nervensystem lernt durch Wiederholung – in beide Richtungen. Was wir oft erleben, wird leichter abrufbar: Angst ebenso wie Sicherheit. Traumasensibles Arbeiten heißt deshalb, Erfahrungen von Sicherheit in Intensität zu wiederholen – in kleinen Schritten, in deinem Tempo.

Quellen

Atem & Physiologie

  1. Fincham, G. W. et al. (2023). Effect of breathwork on stress and mental health: A meta-analysis of randomised-controlled trials. Scientific Reports, 13, 432. doi.org/10.1038/s41598-022-27247-y
  2. Zaccaro, A. et al. (2018). How breath-control can change your life: A systematic review on psycho-physiological correlates of slow breathing. Frontiers in Human Neuroscience, 12, 353. doi.org/10.3389/fnhum.2018.00353
  3. Balban, M. Y. et al. (2023). Brief structured respiration practices enhance mood and reduce physiological arousal. Cell Reports Medicine, 4(1), 100895. doi.org/10.1016/j.xcrm.2022.100895
  4. Laffey, J. G. & Kavanagh, B. P. (2002). Hypocapnia. New England Journal of Medicine, 347, 43–53. doi.org/10.1056/NEJMra012457
  5. Rhinewine, J. P. & Williams, O. J. (2007). Holotropic Breathwork: The potential role of a prolonged, voluntary hyperventilation procedure as an adjunct to psychotherapy. Journal of Alternative and Complementary Medicine, 13(7), 771–776. doi.org/10.1089/acm.2006.6203
  6. Kox, M. et al. (2014). Voluntary activation of the sympathetic nervous system and attenuation of the innate immune response in humans. PNAS, 111(20), 7379–7384. doi.org/10.1073/pnas.1322174111
  7. Grof, S. & Grof, C. (2010). Holotropic Breathwork: A New Approach to Self-Exploration and Therapy. SUNY Press.

Trauma, Körper & Bindung

  1. van der Kolk, B. (2014). The Body Keeps the Score (dt. Verkörperter Schrecken). Viking.
  2. Levine, P. A. (1997/2010). Waking the Tiger; In an Unspoken Voice (dt. Sprache ohne Worte). North Atlantic Books.
  3. Walker, P. (2013). Complex PTSD: From Surviving to Thriving. Azure Coyote.
  4. Porges, S. W. (2011). The Polyvagal Theory. Norton. – kritisch dazu: Grossman, P. (2023), Biological Psychology, 180, 108589. doi.org/10.1016/j.biopsycho.2023.108589
  5. Schwartz, R. C. & Sweezy, M. (2020). Internal Family Systems Therapy (2. Aufl.). Guilford.
  6. Bowlby, J. (1988). A Secure Base. Routledge. · Levine, A. & Heller, R. (2010). Attached. TarcherPerigee.
  7. Herman, J. L. (1992). Trauma and Recovery. Basic Books.
  8. Fisher, J. (2017). Healing the Fragmented Selves of Trauma Survivors. Routledge.
  9. Ogden, P., Minton, K. & Pain, C. (2006). Trauma and the Body: A Sensorimotor Approach to Psychotherapy. Norton.
  10. Shapiro, F. (2018). Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) Therapy (3. Aufl.). Guilford.
  11. Maté, G. (2022). The Myth of Normal (dt. Vom Mythos des Normalen). Avery.
  12. Felitti, V. J. et al. (1998). Relationship of childhood abuse and household dysfunction to many of the leading causes of death in adults: The Adverse Childhood Experiences (ACE) Study. American Journal of Preventive Medicine, 14(4), 245–258. doi.org/10.1016/S0749-3797(98)00017-8
  13. Tronick, E. et al. (1978). The infant's response to entrapment between contradictory messages in face-to-face interaction (Still-Face). Journal of the American Academy of Child Psychiatry, 17(1), 1–13.
  14. Yehuda, R. & Lehrner, A. (2018). Intergenerational transmission of trauma effects: putative role of epigenetic mechanisms. World Psychiatry, 17(3), 243–257. doi.org/10.1002/wps.20568
  15. Ashar, Y. K. et al. (2022). Effect of Pain Reprocessing Therapy vs placebo and usual care for patients with chronic back pain (Boulder Back Pain Study). JAMA Psychiatry, 79(1), 13–23. doi.org/10.1001/jamapsychiatry.2021.2669
  16. Karatzias, T. et al. (2019). Psychological interventions for ICD-11 complex PTSD symptoms: systematic review and meta-analysis. Psychological Medicine, 49(11), 1761–1775. doi.org/10.1017/S0033291719000436
  17. Neff, K. (2011). Self-Compassion. William Morrow. · Gilbert, P. (2010). Compassion Focused Therapy. Routledge.

Reiki

  1. Guo, X., Long, Y., Qin, Z. & Fan, Y. (2024). Therapeutic effects of Reiki on interventions for anxiety: a meta-analysis. BMC Palliative Care, 23, 147. doi.org/10.1186/s12904-024-01439-x
  2. Thrane, S. & Cohen, S. M. (2014). Effect of Reiki therapy on pain and anxiety in adults: an in-depth literature review of randomized trials with effect size calculations. Pain Management Nursing, 15(4), 897–908.
  3. Lee, M. S., Pittler, M. H. & Ernst, E. (2008). Effects of Reiki in clinical practice: a systematic review of randomised clinical trials. International Journal of Clinical Practice, 62(6), 947–954.

Redaktion: STUDIO B · Stand: November 2026.

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