Lange gab es für Menschen, die über Jahre wiederholt Gewalt, Vernachlässigung oder Bedrohung erlebt haben, keine passende Diagnose. Viele erkannten sich in der „klassischen“ posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) nur teilweise wieder. Mit der ICD-11, der neuen Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation, die am 1. Januar 2022 in Kraft getreten ist (World Health Organization, 2022)[1], hat sich das geändert: Die komplexe posttraumatische Belastungsstörung (K-PTBS, englisch CPTSD) ist dort eine eigenständige Diagnose.
PTBS und K-PTBS: der Unterschied
Die ICD-11 beschreibt die PTBS über drei Kernbereiche:
- Wiedererleben des Traumas im Hier und Jetzt (z. B. Flashbacks, Albträume),
- Vermeidung von Erinnerungen, Gedanken oder Situationen,
- ein anhaltendes Gefühl von aktueller Bedrohung (z. B. Übererregung, Schreckhaftigkeit).
Bei der K-PTBS kommen drei weitere Bereiche hinzu, die als Störungen der Selbstorganisation (Disturbances in Self-Organisation, DSO) bezeichnet werden:
- Probleme der Emotionsregulation – Gefühle sind schwer zu beruhigen, oder es entsteht Taubheit und innere Leere,
- ein negatives Selbstbild – anhaltende Gefühle von Wertlosigkeit, Scham oder Schuld,
- Schwierigkeiten in Beziehungen – Nähe fällt schwer, Verbundenheit mit anderen fühlt sich unsicher an.
K-PTBS ist keine „schwere PTBS“, sondern ein eigenes Muster: Die Folgen betreffen nicht nur Erinnerungen, sondern das Erleben von sich selbst und von Beziehungen.
Welche Erfahrungen zu K-PTBS führen können
Typisch sind extreme, langanhaltende oder wiederholte Belastungen, denen man schwer oder gar nicht entkommen konnte – zum Beispiel anhaltende häusliche Gewalt, wiederholter körperlicher oder sexueller Missbrauch in der Kindheit, Folter oder Menschenhandel. Hier liegt die Verbindung zum Begriff Bindungstrauma: Wenn die Verletzungen von nahen Bezugspersonen ausgehen, prägen sie, wie Sicherheit, Nähe und Selbstwert gelernt werden. Nicht jede Person mit solchen Erfahrungen entwickelt eine K-PTBS, und die Diagnose stellt ausschließlich Fachpersonal.
Wie K-PTBS erfasst wird
Für die Forschung und Diagnostik wurde der International Trauma Questionnaire (ITQ) entwickelt (Cloitre et al., 2018)[2], ein kurzer Fragebogen, der PTBS- und DSO-Symptome getrennt erfasst. Studien mit dem ITQ zeigen in vielen Ländern, dass sich PTBS und K-PTBS als unterschiedliche Symptommuster unterscheiden lassen. In Deutschland wird für die Abrechnung derzeit noch die ICD-10-GM genutzt; die ICD-11 wird schrittweise eingeführt. In der Praxis sprechen Fachleute aber bereits heute von K-PTBS.
Was nach aktueller Studienlage hilft
Eine Metaanalyse von Karatzias und Kolleg:innen (2019)[3] hat untersucht, wie gut psychologische Behandlungen auf K-PTBS-Symptome wirken. Ergebnis: Traumafokussierte Verfahren wie traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie, EMDR und Expositionsverfahren verbesserten nicht nur die PTBS-Kernsymptome, sondern auch die Bereiche Emotionsregulation, Selbstbild und Beziehungen. Die Effekte fielen je nach Studie unterschiedlich groß aus; viele Fachleute empfehlen deshalb ein flexibles, individuell angepasstes Vorgehen, das Stabilisierung und Traumabearbeitung verbindet.
Die deutsche S3-Leitlinie zur Behandlung der PTBS (Schäfer et al., 2019)[4] empfiehlt traumafokussierte Psychotherapie als Behandlung der ersten Wahl. Körperorientierte Ansätze, Achtsamkeit oder Atemarbeit können ergänzend helfen, das Nervensystem zu regulieren und den Körper wieder als sicheren Ort zu erleben – sie ersetzen die Therapie aber nicht.
Was das für dich bedeuten kann
- Wenn du dich in den Beschreibungen wiederfindest, kann ein Gespräch mit einer approbierten Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten Klarheit bringen.
- Selbstregulation – Atem, Bewegung, Achtsamkeit, stabile Routinen – ist ein wertvoller Baustein, besonders zwischen Therapiestunden.
- Austausch mit Menschen, die Ähnliches erlebt haben, kann Scham reduzieren. Genau dafür gibt es unsere kostenlose Community Expedition Trauma.
Quellen
- World Health Organization (2022): ICD-11, 6B40 PTSD und 6B41 Complex PTSD. icd.who.int
- Cloitre, M. et al. (2018): The International Trauma Questionnaire. Acta Psychiatrica Scandinavica, 138(6), 536–546. doi.org/10.1111/acps.12956
- Karatzias, T. et al. (2019): Psychological interventions for ICD-11 complex PTSD symptoms: systematic review and meta-analysis. Psychological Medicine, 49(11), 1761–1775. doi.org/10.1017/S0033291719000436
- Schäfer, I. et al. (2019): S3-Leitlinie Posttraumatische Belastungsstörung. AWMF-Register Nr. 155-001. Springer.
Redaktion: STUDIO B · Stand: 6. November 2026

